Vom Jobcenter in die Weltspitze: Das ist Chelseas "großer Türsteher"



Chelsea-Keeper Édouard Mendy gehört in den letzten Jahren zu den erfolgreichsten Fußballern dieses Planeten. Bis der heutige Welttorhüter diesen Status erreichte, durchlebte er eine echte Cinderella-Story.

Es waren beeindruckende Bilder, die am Montag nach dem Endspiel im Africa Cup of Nations aus der Hauptstadt Senegals in die Welt projiziert wurden. Gemeinsam mit seinen Kollegen von der Nationalmannschaft Senegals stand Mendy auf dem Dach des Teambusses, der sich den Weg durch die schier endlose Menschenmasse auf den Straßen von Dakar bahnte.


Die Instagram-Stories des 29-Jährigen zeigten einen vollkommen überwältigten Mendy. Die Massen skandierten seinen und die Namen seiner Teamkollegen als wären sie Heilige. In gewisser Hinsicht sind sie das für die fußballverrückte Nation aus dem Westen Afrikas auch. Zum ersten Mal überhaupt konnten sich die Löwen zum Afrikameister küren.


„Tall Doorkeeper“ lautet sein Spitzname bei den Fans in England. Zu deutsch: Der große Türsteher. Er wird sicher mehr als eine ruhige Minute brauchen, damit er die Erlebnisse und vor allem Erfolge der letzten Monate irgendwie einordnen kann. Innerhalb des vergangenen Jahres gewann er mit Chelsea die Champions League, den europäischen Supercup, wurde zum Welttorhüter gekürt und gewann nun ebenfalls als bester Keeper des Turniers die Afrikameisterschaft.


Noch vor dem Triumph in der Königsklasse konnte Mendy den ungewöhnlichen Verlauf seiner Karriere kaum glauben: „Wenn mir jemand vor sechs Jahren hätte, dass ich hier enden würde, hätte ich mir nicht einmal die Mühe gemacht, ihn anzuschauen oder ihm zuzuhören. Ich hätte das nicht für möglich gehalten“, sagte er damals der ‚BBC‘. Wie muss er sich nun knapp acht Jahre nach seinem Karrieretiefpunkt fühlen?


Denn seine Laufbahn war beinahe schon wieder zu Ende, bevor sie überhaupt so richtig begonnen hatte. Sein erster Profivertrag beim damaligen französischen Drittligisten Cherbourg lief nach zwei Abstiegen in drei Jahren aus. Mehrere französische Klubs zeigten Interesse, doch Mendy sagte allen ab, in dem Glauben, er würde nach England zu einem League-One-Klub wechseln. Das versicherte ihm jedenfalls ein ehemaliger Berater, doch der Transfer kam nicht zustande und Mendy stand plötzlich ohne Verein da.


Sein Agent sagte ihm das aber nicht, sondern ließ ihn stattdessen offenbar im Regen stehen. „Ich habe versucht ihn zu kontaktieren, aber er antwortete nie. Ich habe nichts von ihm gehört, bis er mir viel Glück für die Zukunft wünschte“, erklärte der Torwart Jahre später im Gespräch mit ‚LeParisen‘ ohne weitere Hintergründe zu verraten.


Er meldete sich arbeitslos und der Traum von einer Karriere als Fußballprofi schien geplatzt. Es folgte ein Jahr voller Ungewissheit. Arbeitslos zu sein, fühlte sich für ihn „wie ein Schlag ins Gesicht an“, erzählte er dem Magazin ‚So Foot‘: „Wenn man wiederholt Misserfolge wegstecken muss, dann hinterlässt das Spuren und man fängt an zu denken, dass man vielleicht nicht dafür gemacht ist“, erinnerte sich der 1,96-Meter-Schlussmannn.


Er hielt sich bei der Reserve seines Jugendklubs Le Havre fit und pendelte außerdem zwischen Jobcenter und Fitnessstudio. Seine Familie und vor allem sein Bruder bestärkten ihn seinen Traum noch nicht aufzugeben. Seine Geduld zahlte sich aus. Mit Olympique Marseille gab ihm einer der Topklubs der Ligue 1 die Chance, sich als vierter Torhüter zu beweisen. Beim B-Team von OM konnte er sich schließlich für den Zweitligisten Stade Reims empfehlen.


Schon in der zweiten Spielzeit in Reims wurde er Stammkeeper. In Jahr drei hatte Édou mit 18 von 34 Spielen ohne Gegentor großen Anteil am Aufstieg ins französische Oberhaus. 14 „Weiße Westen“ in seiner ersten Ligue1-Saison riefen Stade Rennes auf den Plan, die sich seine Dienste zwischen den Pfosten für über sieben Millionen Euro sicherten.


Die Cinderella-Story sollte auch in der Bretagne weitergehen. In der durch die Corona-Krise vorzeitig abgebrochenen Ligaspielzeit erreichte Rennes sensationell zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte die Qualifikation für die Champions League. Der sprunggewaltige Mendy parierte seinen Klub zur besten Abwehr der Ligue 1.


Rückblickend gestand Mendy 2019 gegenüber ‚France Football‘, dass ihn der holprige Start seiner Laufbahn vermutlich besser auf den Spitzenfußball vorbereitet hat. Die Erfahrung der Arbeitslosigkeit treibe ihn auch heute noch zu Höchstleistungen. „Es heißt immer, harte Arbeit zahlt sich aus, und es ist tatsächlich so. Für mich ging es Schritt für Schritt nach oben, diesen Weg will ich nun weitergehen“, erklärte Mendy weiter.


Torhüter-Legende Petr Čech hat der Werdegang des Senegalesen besonders imponiert. In seiner Rolle als Berater von Chelsea gab er den entscheidenden Anstoß dafür, dass die Londoner Mendy für 24 Millionen Euro verpflichteten, obwohl sie erst zwei Jahre zuvor Kepa zum bis heute teuersten Torhüter (80 Millionen) der Welt machten.


Der ehemalige Chelsea-Coach Frank Lampard machte den „großen Türsteher“ sofort zur Nummer eins. Und der tat folglich das, was ein Türsteher tut: Ungebetenen Gästen den Zutritt verwehren. Auch nach der Entlassung von Lampard änderte sich die Rolle von Mendy nicht, denn auch Nachfolger Thomas Tuchel war und ist überzeugt von den Fähigkeiten seines Stammkeepers.


In einer schwierigen Startphase der Saison betonte der ehemalige Bundesliga-Trainer wie glücklich er sei Mendy als sicheren Rückhalt zu haben. „Er ist ein herausragender Typ mit einer fantastischen Persönlichkeit. Super bescheiden und ruhig. Seine Entwicklung seit dem ersten Tag ist hervorragend. Er spielt mit so viel Selbstbewusstsein. Es ist sogar im Training schwer gegen ihn zu treffen. Jede Spitzenmannschaft braucht einen Spitzenkeeper und den haben wir“, schwärmte Tuchel gegenüber vereinseigenen Medien im September 2021.


Bis heute blieb er auf Klubebene in 70 Pflichtspielen 37-mal ohne Gegentor, musste in allen Wettbewerben zusammen insgesamt nur 47 Gegentreffer hinnehmen. Als amtierender Afrikameister nun in den Kasten der Blues zurückzukehren, dürfte die ohnehin schon breite Brust von Mendy noch weiter aufpumpen. Um seinen Job muss einer der aktuell besten Keeper der Welt nicht mehr fürchten, Tuchel wird es dennoch lieber sein, wenn Chelseas“Doorkeeper“ im Rahmen der 90 Minuten arbeitslos bleibt.