Tuchel macht sich Freunde

Ein eindeutiges Handspiel führt gegen Manchester United nicht zum Elfmeter, der FC Chelsea bleibt im neunten Spiel mit Thomas Tuchel ungeschlagen – das freut auch einen Edelfan. Und: Antonio Rüdiger ist in Topform.



Szene des Spiels: Das Elfmeterglück von Manchester United ist in der Premier League so auffällig, dass sich zu Jahresbeginn selbst Jürgen Klopp (ungefragt) darüber echauffierte. Tatsächlich erhielten die Red Devils seit Beginn der Vorsaison in der Liga 22 Strafstöße zugesprochen, mindestens vier mehr als jeder andere Klub. Da passte es gar nicht ins Bild, was Stuart Attwell im Spiel gegen den FC Chelsea nach einer Viertelstunde entschied: Der Referee schaute sich nach einem Hinweis des Videoassistenten an, wie Callum Hudson-Odoi den Ball im eigenen Strafraum mit der rechten Hand vor Gegenspieler Mason Greenwood wegstupste – und entschied doch nicht auf Elfmeter.


Das Ergebnis: Manchester United spielte beim FC Chelsea 0:0. Dasselbe war dem Klub nicht nur unter der Woche in der Europa League gegen Real Sociedad passiert, auch das Hinspiel in der Premier League gegen die Blues endete bereits torlos. Die letzten drei Ligapartien gegen weitere Gegner aus den traditionellen Big Six: sowieso 0:0.


Hoch sollt ihr pressen: Vor Anpfiff sprach United-Trainer Ole Gunnar Solskjær über den »deutschen« Fußball seines Chelsea-Pendants Thomas Tuchel, der seiner Mannschaft in kurzer Zeit eine enorme Ballsicherheit hatte mitgeben können. Dem wollte Solskjær, gegen Topklubs eigentlich ein Freund des Konterfußballs, eine für United ungewöhnliche Pressingtaktik entegegensetzen und den Aufbau der Londoner früh stören. Nach hohen Ballgewinnen wäre der Weg zum Chelsea Tor ein kurzer, mit Marcus Rashford, Daniel James und Mason Greenwood standen junge und sprintstarke Angreifer in der Startelf, die den Plan umsetzen sollten.


Die erste Hälfte: Tatsächlich ging die Idee Solskjærs nur zum Teil auf: Zwar bekam Chelsea in der Anfangsphase wenig Zeit am Ball, anstatt ihn aber zu verlieren, befreiten sich die Blues regelmäßig mit schnellen, kurzen Pässen. Nur am Übergang ins Angriffsdrittel haperte es, Mason Mount und Hakim Ziyech hingen weitestgehend in der Luft und fanden kaum Anschluss. So blieb es bei einigen aussichtsreichen, aber ertraglosen Flanken vom rechten Schienenspieler Hudson-Odoi für Chelsea, während United nicht viel mehr zustande brachte als einen unplatzierten Freistoß von Rashford (14. Minute).


Der Rüdiger-Express: Timo Werner und Kai Havertz kämpfen bei Chelsea um den Anschluss, Antonio Rüdiger aber ist in Topform. Als linker Innenverteidiger in der Dreierkette verpasste er keine Ligaminute, seit Tuchel Ende Januar als neuer Trainer vorgestellt wurde. Seitdem kassierten die Londoner nur zwei Gegentore, unter der Woche meldete Rüdiger gegen Atlético Madrid in der Champions League gar Luis Suárez ab. Gegen United fiel Rüdigers Vorwärtsdrang auf: In Halbzeit eins gelangen ihm drei Dribblings, immer wieder rückte Rüdiger bis tief in die gegnerische Hälfte vor. In Minute sechs stapfte der Abwehrspieler an fünf Gegenspielern vorbei, ehe er auf dem linken Flügel gestellt wurde. Dazu kamen einige schöne Verlagerungen auf den rechten Flügel und ein makelloses Timing in den Zweikämpfen.


Die zweite Hälfte: Aus einem guten Fußballspiel wurde auch ein chancenreiches. Eine flache Hereingabe Ben Chilwells brachte Hakim Ziyech mittig aufs Tor, David de Gea parierte mit einem Reflex (49.). Greenwood schoss knapp vorbei (60.), Scott McTominay zielte zu mittig (61.), Freds Schlenzer verpasste das rechte Kreuzeck haarscharf (68.). Nach Uniteds zehn Minuten des Sturm und Drang spielte dann fast nur noch Chelsea, aber nie so zielstrebig, dass ein spätes Siegtor in der Luft gelegen hätte.


Mr. 100 Prozent: Erinnern Sie sich an Andreas Christensen? Der 24 Jahre alte Däne spielt seit 2012 für den FC Chelsea, verbrachte zwischen 2015 und 2017 aber auch zwei überaus erfolgreiche Spielzeiten zur Leihe bei Borussia Mönchengladbach in der Bundesliga. Sportlich glücklich in London ist Christensen seitdem nur bedingt geworden, gegen Manchester United gelang ihm nun zumindest ein Kunststück: Trotz Solskjaers Pressingbefehl brachte Christensen all seine 73 Zuspiele auch zum Mitspieler.


Kein Sprung, bloß ein Hüpfer: Die Meisterschaft in der Premier League ist so gut wie entschieden. Hinter den Dominatoren von Manchester City bleibt ein Achtkampf um die übrigen drei Champions-League-Plätze. Der FC Chelsea war in Lauerstellung auf Platz fünf in den Spieltag gestartet. Dann verlor erst der Vierte West Ham, schließlich patzte Leicester City, derzeit auf Platz drei, gegen Arsenal. Statt Big Points im Kampf um die Königsklasse gab es nun nur ein Pünktchen.


Ein neuer Fan: Tuchel blieb indes auch im neunten Pflichtspiel als Chelsea-Trainer ungeschlagen. Und nicht nur das, er gewann auch das Herz eines prominenten britischen Fußballfans: »Ich mag diesen Chelsea-Trainer«, twitterte Ex-Oasis-Frontmann Liam Gallagher. Und wer von Liam Gallagher gemocht wird, der ist fürs Erste wohl gut auf der Insel angekommen.