Antonio Rüdiger: Vom Straßen-Fußballer zum 35-Millionen-Euro-Star bei Chelsea

September 5, 2017

Früher spielte er in Berliner Käfigen, später flog er wegen Undisziplinierten fast raus. Dennoch hat es Antonio Rüdiger zum FC Chelsea geschafft.

 

 

 

Wenn Antonio Rüdiger heute den Rasen betritt, sich in Zweikämpfe mit den großen Fußball-Stars dieser Welt wirft oder nach einer Balleroberung beherzt den Weg nach vorne sucht, dann ist Markus Plog stolz. Denn er war in einer Zeit der Trainer des deutschen Nationalspielers, der im Sommer für 35 Millionen Euro zum FC Chelsea wechselte, als nicht absehbar war, dass aus dem athletischen Verteidiger einmal einer der besten Abwehrspieler des Landes und ein Wunschspieler des englischen Meisters werden würde. Zu rebellisch war Rüdiger, zu hart umkämpft die Branche, so schien es.

Doch von vorne. Der 24-Jährige, der heute für Chelsea, das in einem von Londons reichsten Vierteln liegt, spielt, wuchs in Neukölln, Berlin, auf, einem der härtesten Viertel der Hauptstadt, das von Gewalt geprägt ist. Seine Eltern, Matthias und Lilly, trafen sich in Deutschland, nachdem sie gezwungen war, ihre Heimat Sierra Leone wegen des Bürgerkriegs zu verlassen. Matthias ist Berliner.

 

Gewachsen im Käfig

 

Rüdiger macht seine ersten fußballerischen Schritte auf der Straße. In Käfigen lernt er, sich durchzusetzen und auf engstem Raum durch pure Technik den Ball zu behalten. "Auf solch einem Gummiplatz hilft dir keiner. Da gibt es keinen Schiedsrichter, da musst du dich durchsetzen“, sagte Rüdigers Halbbruder Sahr Senesie der Berliner Morgenpost.

 

Und er muss es wissen, spielte er doch selbst stundenlang auf dem einen Neuköllner Platz. Weil Rüdiger zunächst nicht mitspielen durfte, zog er los und kam mit einem Team von Gleichaltrigen zurück. "Mit denen wollte er uns schlagen", erinnert Senesie sich.

Erst mit 16 ging es für Rüdiger zu Borussia Dortmund, einem Bundesligaklub. Davor spielte er lediglich auf Amateurebene. Unter anderem für Tasmania Berlin.

 

Dirk Jacob, der Rüdiger als Neunjährigen für Tasmania verpflichtete, erinnert sich noch gut an seinen ehemaligen Schützling. "Ich war Trainer der E1-Junioren, mit Spielern, die neun oder zehn Jahre alt waren und holte Antonio in mein Team“, sagt Jacob Goal. "Er war ein sehr ruhiger und stiller Junge. Auf dem Platz aber war er das genaue Gegenteil."

Dann zeigte er all das, was er auf der Straße gelernt hatte, er dribbelte, setzte sich durch, erzielte Tore. "Antonio war immer auf der Suche nach Spaß. Er wollte in jedem Spiel alles richtig machen. Er kam zu jedem Training, völlig egal, ob es draußen regnete oder stürmte. Er war ein großes Talent, technisch, schnell und fußballerisch sehr stark", erinnert sich Jacob. "Er war immer einer der Besten in der Mannschaft. Er war bereits sehr groß, hatte einen starken Schuss und eine tolle Technik."

Fähigkeiten, die Jacob vor allem in der Offensive einsetzte. "In den zwei Jahren, in denen Antonio für mein Team spielte, lief er meistens als Stürmer auf. Aber er war auf jeder Position sehr gut. Manchmal stellte ich ihn sogar als Torhüter auf.“ Eine Anekdote, die Rüdiger aber am besten beschreibt ist eine, in der es nicht um seine Klasse geht, sein Talent.

"Antonio stand immer für Gerechtigkeit“, so Jacob, der seit 2002 bei Tasmania Jugendtrainer ist. "Einmal lief er ganz alleine auf das leere Tor zu und hätte nur noch einschieben müssen. Stattdessen wartete Antonio auf einen seiner Teamkollegen, gab ihm den Ball und der Mitspieler traf. Der andere Junge hatte bis dahin noch nie ein Tor geschossen." Man merkt, wie Jacob sich noch heute über diesen Moment freut. "Das ist meine liebste Erinnerung an ihn."

 

Drei Jahre spielte Rüdiger für Tasmania. Es ging weiter zu den Neuköllner Sportfreunden und danach zu Hertha Zehlendorf, ehe er mit 16 schließlich nach Dortmund wechselte. In Zehlendorf traf er auf Markus Plog. Der Jugendtrainer ist Kriminalhauptkommissar, ihm habe er am meisten zu verdanken, sagte Rüdiger einmal den Stuttgarter Nachrichten. Denn aus dem Jungen mit großen Herz war ein Pubertierender geworden, der "Grenzen austestete", wie Plog Goal erzählt. Ein Teenager, der nicht genau wusste, wohin mit sich.

"Toni hatte ein feuriges Temperament", sagt Plog. "Es gab eine Zeit, in der Toni wochenlang nicht spielen durfte, weil er sich Undiszipliniertheiten geleistet hatte. Wie zu spät zum Training zu kommen.“ Ein Knackpunkt in der Karriere Rüdigers. "Es war eine sehr wichtige Lehrstunde für ihn. Von diesem Zeitpunkt an, änderte er sich." Plog hatte ihn vor die Wahl gestellt: Entweder er würde sich zusammenreißen oder das wäre es gewesen. Rüdiger entschied sich für ersteres. "Von da an war er diszipliniert und hungrig. Einer, der immer mehr und mehr erreichen wollte“, so Plog.

Der Hunger, gepaart mit seiner Klasse, die ihre Wurzeln auf der Straße von Neukölln hat, brachte Rüdiger zum BVB und half ihm, weiterzumachen, als er dort nach zweieinhalb Jahren aussortiert wurde. Er kämpfte weiter, schaffte es zum VfB Stuttgart, wo er mit 18 in der Bundesliga debütierte. Er hatte es geschafft – und wollte noch mehr!

 

Heute spielt Rüdiger gegen Messi und Ronaldo

 

Er schaffte es zum Stammspieler, gewann 2012 die Fritz-Walter-Medaille und durchlief alle Jugendteams der deutschen Nationalmannschaft. 2015 schließlich der Wechsel nach Rom. Bei der Roma reifte er weiter, setzte sich durch, lernte taktisch weiter dazu. Er war inzwischen Nationalspieler, galt schnell als einer der besten Verteidiger der italienischen Beletage.

Die EM 2016 verpasste er wegen eines Kreuzbandrisses, der zudem seinen Wechsel zu Chelsea verzögerte. Heute, im Jahr 2017, ist er fester Bestandteil der Nationalmannschaft und spielt für die Blues. Er ist nun ganz oben, nach Jahren des Kämpfens hat er es vom Straßenkicker zum Fußballstar geschafft. Heute ist er einer, den die Kinder in den Käfigen nachahmen.

 

Und Plog ist mächtig stolz. "Wenn ich sehe, wie Toni heute das Deutschland- oder Chelsea-Trikot trägt, macht mich das sehr stolz", sagt er. „Er war unser Spieler in der U16 und jetzt spielt er in der Premier League in London. Es gibt Tage, an denen ich es noch immer nicht glauben kann, wenn ich ihn im Fernsehen sehe und er in der Champions League gegen Messi oder Ronaldo spielt.“

 

 

 

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